Mit der Axt unterm Kopfkissen
Zuerst kamen nur zwei Mann. Die beiden Polen umkreisten das Haus, schauten sich alles genau an, kamen dann herein, fragten, ob amerikanische Soldaten im Haus seien, und verlangten Lebensmittel. Frau S. gab ihnen Wurst, Brot und zwei Büchsen Konserven. Scheinbar zufrieden zogen sie wieder ab. Aber wir hatten allen Grund, unruhig zu sein. Das Verhalten der beiden Polen war gar zu auffällig, ihre Neugierde zu groß. Wir wußten, sie würden wiederkommen - und nicht nur zu zweit. Wir machten das Haus dicht, so gut es ging, verschlossen die Außentüren, verbarrikadierten alle Zugänge und überprüften die Fenster im Erdgeschoß. Danach wurden wir zwei Männer aus der oberen Schlafkammer nach unten verlegt, in das dem Eingang nächstliegende Zimmer. Und noch ein übriges tat Frau S., sie übergab jedem von uns eine Axt. Wir sollten sie unters Kopfkissen legen, um uns zu verteidigen, wenn nachts die Polen kämen.
Mir eine Axt! Damit auf einen Menschen einzuschlagen! Welch eine unmögliche Vorstellung! Wer mit einer Axt unterm Kopf einschlafen kann, muß stählerne Nerven haben. Daß die Polen in der Nacht kommen könnten, beunruhigte mich sehr, was aber meine Unruhe noch steigerte, war die Vorstellung, mich mit der Axt verteidigen zu müssen. Eher hätte ich mich mit einer Axt erschlagen lassen als selbst eine zu gebrauchen.
Mit den Fingern tastete ich unter das Kopfkissen, um zu fühlen, wie scharf eigentlich die Schneide war. Nicht sonderlich scharf, stellte ich etwas beruhigt fest, und voller Scharten, wie eine ganz gewöhnliche Axt, mit der man täglich Holz hackt.
Etwas später griff ich wieder unters Kissen, weil mir der Axtstiel in die Schultern drückte. Drehte ich den Kopf auf die linke Seite, drückte das stumpfe Ende auf mein Ohr und der Stiel gegen die Halsschlagader. Ganz unerträglich war es, wenn ich mich so weit zur Bettkante drehte, daß ich die Axt überhaupt nicht mehr spürte.
Plötzlich hatte ich den Gedanken, die gleiche Klinge, die fünf Zentimeter von meinem Hals entfernt zwischen Kopfkissen und Matratze eingeklemmt war, könnte mir den Kopf vom Hals trennen. Warum eigentlich nicht?
Mein ganzer Körper war schweißbedeckt.
Ich hielt es nicht mehr aus, zerrte die Axt unter dem Kopfkissen hervor und stellte sie neben die Bettlade. Das machte mich etwas ruhiger. Erschöpft und übermüdet fiel ich in einen unruhigen Halbschlaf, schreckte aber beim leisesten Geräusch auf, denn jedesmal glaubte ich, nun kämen die Polen.
Die Axt ließ mich immer noch nicht in Ruhe. Jetzt begann sie zu wachsen und wurde ein riesiges Schlachterbeil. Dann wuchs auch der Stiel, und das Schlachterbeil verwandelte sich in ein Henkerbeil. Zwei von oben bis unten tätowierte Arme hielten den Stiel fest. Breitbeinig stand der Kerl, zu dem die tätowierten Arme gehörten, am Fußende des Bettes und hatte eine spitz zulaufende Kapuze wie vom Klu Klux Klan über den Kopf gestülpt. Hell hob sich das geschliffene Eisen von dem düsteren Hintergrund ab. Es war ein ganz besonderes Henkerbeil, das Fratzen schnitt und sich wellenförmig verbog, als läge es auf dem Grund eines klaren, leicht bewegten Gewässers.
Es wurde Tag, und die Polen kamen nicht.
Oft habe ich in späteren Zeiten an Heimarshausen zurückgedacht und an all das, was dort geschehen ist, und immer wieder kam die Erinnerung an die Nacht mit der Axt. Ich habe mich gefragt, warum ich die Axt nicht weggeworfen habe. Ich wollte sie ja wegwerfen, aber mein Arm war kraftlos, war wie eingeschlafen, und meine Hand nicht fähig, den Axtstiel zu fassen. Ich war wie gelähmt. Diese Empfindung des Gelähmtseins hatte ich oft in der Vergangenheit, schon während meiner Schulzeit. Sie hat mich ein Leben lang begleitet. An diesem Gelähmtsein bin ich fast verzweifelt, habe es verflucht und bin es doch nicht losgeworden.
Es geschah auf der Straße, daß ein gleichaltriger Junge meinen Bruder Alex verhaute. Ich hatte keine Angst vor ihm, hatte ihn am Arm gepackt und wollte ihn schlagen - aber ich konnte nicht. Es geschah, daß ich mich in einer Diskussionsrunde zu Wort meldete, weil ich glaubte, etwas Wichtiges sagen zu müssen, aufstand - und keinen Ton herausbrachte. Es geschah, daß ich auf eine Frau zuging, um ihr einen Antrag zu machen, ich wußte, sie wartete darauf - und keine Macht der Erde hätte ein Wort aus mir herausgelockt.
Ich glaube auch zu wissen, wo diese Lähmung ihren Anfang nahm: im Hinterhaus der Kaiserhofstraße. Dort wurde der Keim gelegt. Papa, Paula, Alex und ich, wir waren alle zur Inaktivität verurteilt. Mama zwang uns dazu. Aus Angst, wir andern könnten vielleicht einen Fehler machen, könnten uns verraten, hat sie für die ganze Familie gedacht und gehandelt.
Diese Angst übertrug sie auf mich. Die Angst verkrampfte zur Lähmung. Sie hat mich daran gehindert, auf die Amerikaner zuzugehen und zu sagen: »Ich bin Jude!« Sie hat mich auch daran gehindert, die Axt in weitem Bogen zum Fenster hinauszuschleudern.
Am späten Vormittag kamen die Polen, ein Trupp von acht Mann, bewaffnet mit Gewehren, Messern und Eisenstangen. Vom Fenster aus sahen wir sie aus dem Wald kommen und sich um das Haus verteilen. Unsere Äxte hatten wir vernünftigerweise bereits am frühen Morgen wieder dorthin gestellt, wo sie hingehörten, zum Holz.
Einige Minuten später schlug einer gegen die Tür und rief: »Aufmachen!« Während ich nach draußen ging, die Haustür zu öffnen, hielten sich die anderen Jagdhausbewohner im großen Zimmer im Erdgeschoß auf.
Zwei Gewehre waren auf mich gerichtet. Ein Pole drückte mir den Lauf gegen die Brust und schob mich zur Wand zurück.
»Wo sind andere Leut?« fragte er in gebrochenem Deutsch. Ich antwortete: »Im Wohnzimmer.« »Geh vor!«
Ich folgte dem Befehl und ging voraus. Jetzt hatte ich den Gewehrlauf im Rücken.
Wir traten ins Wohnzimmer. Stehend erwartete uns dort die übrige Jagdhausgesellschaft.
»Alles in die Toilette!« kommandierte der Pole. Sie drängten uns ins Bad und schlossen es ab. Eine peinliche Enge herrschte in dem kleinen Raum, und ein ständiger Berührungskontakt mit den Frauen war nicht zu vermeiden. Frau B. saß auf dem Abortdeckel, rieb sich die Stirn mit Eau de Cologne ein oder hielt den Kopf in den Händen und stöhnte: »Ob wir hier noch einmal lebend herauskommen?«
Wir andern standen zitternd um sie herum und fragten uns dasselbe. Überflüssigerweise rief noch der Wortführer der Polen durch die verschlossene Tür: »Wer rauskommt, wird erschossen!«
Dann räumten sie das Haus aus. Überall rumorte und krachte es, Türen wurden geschlagen, Kisten und Koffer über Treppen und Flure geschleift.
Zwischendurch kamen zwei Polen ins Bad und nahmen den Frauen Armbanduhren, Ringe und anderen Schmuck, den sie nicht vergraben hatten, ab. Auch meine schöne Armbanduhr, die mir Mimi zum Geburtstag geschenkt hatte, mußte ich ihnen geben.
Nach etwa einer Dreiviertelstunde wurde es still. Sie waren wieder abgezogen.
Wir warteten noch etwas, bevor wir die Tür aufbrachen und sehen konnten, was passiert war. Die Räume und das Mobiliar waren nur wenig beschädigt. Aber es fehlten alle Wertgegenstände, Uhren, Bestecke, Silberleuchter. Außerdem hatten es die Polen auf Textilien, Schuhe und Stiefel abgesehen.
Die Frauen schlichen von einem Zimmer ins andere, schauten in die leeren Schränke und Schubladen, jammerten, weinten und fluchten auf die Polen.
Ich empfand kein Mitleid mit ihnen, obwohl sie Schlimmes durchgemacht hatten. Wenn ich in diesem Augenblick mit den Frauen am gleichen Strang zog, waren sie noch lange nicht meine Schicksalsgenossen. Unser Zwangsaufenthalt zwischen Abortschüssel und Badewanne hatte uns keinen Zentimeter nähergebracht. Von Anfang an mochten wir uns nicht. Die Abneigung war gegenseitig.
Alle Frauen im Jagdhaus mißtrauten mir, und auch der andere Soldat aus dem Ursulinenkloster. Sie beobachteten jeden Schritt, den ich tat und jede Arbeit, die ich machte. Sie hörten zu reden auf, wenn ich vorbeikam, schlossen häufig die Tür hinter sich und tuschelten miteinander. Frau S. gab ihre Aufträge jetzt meist nur noch an den andern Soldaten weiter.
Das Mißtrauen war noch dadurch verstärkt worden, daß sie zwar beobachteten, aber nicht verstanden, was ich mit dem amerikanischen Soldaten wegen meines Passes gesprochen hatte.
Frau S. wollte später einmal, nachdem ich schon von den Amerikanern meine Prügel bekommen hatte, wissen: »Was haben Sie denen für einen Ausweis gezeigt?«
»Einen Fremdenpaß.«
»Sind Sie kein Deutscher?«
»Nein.«
»Was sind Sie denn?« »Staatenlos.«
»Und wieso haben Sie in der Wehrmacht gedient?« »Das müssen Sie andere fragen.«
»Das verstehe ich nicht.« »Ich auch nicht.«
Damit war das Gespräch zu Ende, doch ich spürte deutlich, wie das Mißtrauen weiter wuchs.
Ich grübelte darüber nach, wie ich von dem Jagdhaus loskommen könne. Doch zu dem Zeitpunkt war es unmöglich, einen einmal gefundenen Unterschlupf zu verlassen. Wo sonst sollte ich mich verstecken?
Mich den Besatzungssoldaten anzuvertrauen war undenkbar. Welcher Amerikaner hätte mir schon geglaubt? Meine Geschichte war zu phantastisch. Nach Hause konnte ich auch nicht, nach wenigen Kilometern bereits würden sie mich gefaßt haben. Ständig sah man amerikanische Lastwagen vollgestopft mit deutschen Soldaten und Zivilisten über die Straße fahren. Sollte es mir genauso ergehen wie denen, die sie in Gefangenenlager abtransportierten?
In welch einer Lage war ich! Die Todesangst, als Jude erkannt zu werden, war von mir genommen. Aber eine andere hatte sich eingenistet: die Angst, als Deserteur entlarvt zu werden.
Ich fühlte mich in meiner Haut immer weniger wohl. Es war eine fatale Situation, und mir fiel nichts ein, sie zu ändern. Also blieb ich in der Jagdhausgesellschaft, blieb der Beschützer der Frauen vor plündernden amerikanischen Soldaten und ehemaligen Zwangsarbeitern und lebte in der Furcht, den Schädel eingeschlagen zu bekommen.
Ich wollte mir nicht eingestehen, daß das Jagdhaus mir auch eine gewisse Geborgenheit gab und ich aus diesem Grund keinen Weg fand, es zu verlassen. Es war doch, bei allen Ängsten, die ich hatte, eine Höhle, ein Nest. Gewiß, eine kotige Höhle, aber sie gab Wärme; ein Nest aus Stacheldraht, aber es gab Schutz. Wie sehr mir die Mitbewohner zuwider sein mochten, gemeinsam waren uns unsere Ängste und unser Zittern, es war trotz allem eine Geborgenheit.
Der Raubüberfall der Polen wurde auch den amerikanischen Besatzern bekannt. Darum kamen jetzt mehrmals am Tag Patrouillen vorbei, um im Jagdhaus nach dem rechten zu sehen. In Wirklichkeit aber sahen sie mehr nach dem Schnaps, den es in unserem Haus gab und den Justus Mohl besorgte. Das fiel ihm nicht schwer, denn nach der Flucht der deutschen Truppen hatte die Bevölkerung der näheren Umgebung die Vorratslager der Fritzlarer Kaserne und einen Versorgungszug mit Lebensmitteln auf der Bahnstrecke Fritzlar-Kassel geplündert. Dabei waren auch viele Flaschen Schnaps erbeutet worden. Der Tauschhandel blühte in dieser Zeit, und gern gaben die Menschen eine oder zwei Flaschen Schnaps für ein Stück Wild, das ihnen der Jagdaufseher anbot. So konnte Justus die schnell zur Neige gehenden Alkoholvorräte immer wieder ergänzen.
Die amerikanischen Soldaten ließen sich gern bewirten, denn die reguläre Alkoholzuteilung an die Besatzungstruppen war weitaus geringer als die an die Fronttruppen. Aber auch die kultivierte Atmosphäre der Jagdhausgesellschaft behagte den Amerikanern, und sie fühlten sich geschmeichelt, wenn die Generalsfrau oder Frau S. ihr Schulenglisch hervorkramten und sich mit ihnen ein wenig in ihrer Muttersprache unterhielten.
Die Umstellung von Feind auf Freund machte den Frauen keine Mühe. Jetzt gab es für sie nur noch einen gemeinsamen Feind: die Russen. Und sie haßten - genau wie ihre neuen Freunde, die Amerikaner - nur noch die Kommunisten. Der Krieg mit den Amerikanern, Engländern und Franzosen schrumpfte zu einem tragischen Mißverständnis zusammen.
In den umliegenden Dörfern hatte es sich bald herumgesprochen, daß die Amerikaner im Jagdhaus ein- und ausgingen, und wir hatten in der Tat vorerst keinen Ärger mehr mit Plünderern. Es kam so weit, daß Bauern aus der Umgebung in unser Haus kamen, um mit einem nahrhaften Geschenk die Frauen zu bitten, bei den Amerikanern ein gutes Wort einzulegen, damit eine Maßnahme der Besatzer rückgängig gemacht, ein beschlagnahmtes Fahrzeug zurückgegeben oder auch nur etwas bei den Soldaten eingetauscht würde.